Tagesanzeiger, 31.5.2007

© Tagesanzeiger, 31.5.2007

«Wir sind zu Hause nicht so verklemmt»

Landwirtin Anna Reiter (18) hat es als Stadtzürcherin in den Ka
lender 2008 geschafft. Auf ihrem eigenen Hof möchte sie künftig Erlebnisferien mit Kutschenfahrten anbieten.

Mit Anna Reiter sprach Daniel Zumoberhaus

Frau Reiter, Sie wohnen im Seefeld und lächeln im nächsten Jahr als Pin-up-Girl vom Kalenderblatt aus in fremden Ställen Bauern an. Bei Seefeld denkt man nicht unbedingt als Erstes an Bauernhof. Weshalb dieser Bezug zur Welt der Bauern?

Ich wollte von klein auf Bäuerin werden. Als ich dann Pferde entdeckte, wurde Reiterin vorübergehend mein Berufswunsch. Meine Eltern kauften mir auch ein Pferd, das ich bei einem Bauern unterbringen durfte. So entstand der erste Kontakt zur Bauernwelt. Den Berufswunsch Reiterin habe ich in der Zwischenzeit wieder aufgegeben. Und mein Pferd Heike, eine Haflinger-Stute, musste kürzlich eingeschläfert werden. Der Stallbesitzer liess die Mistgabel in der Box, Heike hat sich irgendwie am Fuss verletzt. Die Entzündung griff den Knochen an.

Vom Kontakt zum Bauern bis zum Casting für den Bauernkalender ist es aber ein weiter Weg.

Ich kannte den Kalender bereits aus den früheren Jahren. Mein Ex-Freund regte mich dazu an, beim Casting für den Kalender 08 mitzumachen. Deshalb habe ich die Homepage angeschaut und mich fürs Casting angemeldet.

Wie lief das ab?

Ich war als eine der ersten Kandidatinnen um 10 Uhr morgens an der Reihe, war mega nervös, geriet vor der Jury ins Stottern. Ich rechnete ja auch nicht damit, dass Ex-Mister-Schweiz Renzo Blumenthal da ist, das machte mich zusätzlich nervös. Ich setzte darauf, dass ich als Städterin Bäuerin werden will. Das hat die Jury wohl beeindruckt. Obwohl es mein erstes Casting war, bin ich insgesamt recht zufrieden.

Dürfen Sie ja auch, schliesslich haben Sie es von insgesamt 250 Bäuerinnen - am Casting waren es dann noch 60 - unter die letzten zwölf geschafft.

Ja, das macht mich schon etwas stolz.

Sie zeigten sich in Jeans, oben aber nur mit einem Häschen vor der Brust. Könnten Sie sich vorstellen, sich ganz nackt ablichten zu lassen?

Eher nicht. Ich glaube, das mit dem Bauernkalender ist eine einmalige Sache. Und für eine Modelkarriere wäre ich zu wenig schlank, ich wiege doch 55 Kilo und bin nur 1,67 Meter gross.

Immerhin haben Sie ein sehr entspanntes Verhältnis zum Nacktsein. Man konnte über Sie lesen, dass Sie zu Hause gerne nackt rumlaufen.

Das habe ich so nicht gesagt. Ich sagte, wir seien zu Hause nicht so verklemmt.

Ihr Vater ist gelernter Landschaftsgärtner und hat ein Gartenbaugeschäft, ihre Mutter ist ausgebildete Krankenschwester. Was sagen sie zu Ihrem Berufswunsch und zu Ihrem doch speziellen Auftritt?

Sie unterstützen mich voll und ganz. Und sie sind stolz auf mich.

Wurden Sie in der Schule eigentlich oft gehänselt, als Sie Ihren Berufswunsch preis- gaben, oder haben Sie ihn verheimlicht?

Im Kindergarten und in der Primarschule war das kaum ein Thema. Aber als es dann an der Oberstufe um die Suche nach der Lehrstelle ging, da wurde ich schon als «Bäuerin» gehänselt. Ich sagte dann nur noch, ich wolle «Landwirtin» werden. Dann blieben die negativen Reaktionen aus. Die Mitschüler wussten nicht, was mit dieser Berufsbezeichnung genau gemeint ist.

Sie stecken in der Ausbildung zur Landwirtin am Strickhof in Lindau. Die beiden praktischen Lehrjahre haben Sie hinter sich, in einem Monat steht die theoretische Lehrabschlussprüfung bevor. Wie haben Ihre Mitschülerinnen und Mitschüler nach dem Casting reagiert?

Sie haben sich etwas lustig gemacht über mich. Vor allem, weil ich mit einem Häschen posierte. Das eine oder andere «Hasi» musste ich schon über mich ergehen lassen.

Möchten Sie wirklich ein Leben lang als Bäuerin arbeiten? Der Alltag einer Bauersfrau ist hart.

Ja, ich weiss. Aber es ist wirklich mein grösster Wunsch, mit meinem jetzigen Freund zusammen einen Hof mit vielen Tieren zu führen. Mein Freund ist in Bachs im Zürcher Unterland aufgewachsen und wird den Bauernhof seiner Eltern in absehbarer Zeit übernehmen können. Ich möchte dort unter anderem Städtern Erlebnisferien anbieten, etwa mit Kutschenfahrten. Das Brevet dafür habe ich am Strickhof bereits gemacht.

Sie haben in der Person von SVP-Parteipräsident Ueli Maurer einen prominenten Lehrer. Was und wie unterrichtet er?

Er unterrichtet uns in Agrarpolitik und verschafft uns Einblicke in die Zusammenhänge der Landwirtschaft. Er zeigt uns auf, weshalb das Bild des Schweizer Bauern als Abzocker und Einstreicher von Subventionen so nicht stimmt und weshalb die Bauern Direktzahlungen erhalten. Zu seinem Unterrichtsstil muss ich sagen, dass er seinen Stoff sehr interessant und glaubwürdig vermittelt. Im Gegensatz zu zahlreichen Unterrichtsstunden anderer Lehrer ist es während seinen beiden jeweils mucksmäuschenstill im Schulzimmer.

Im Bauernkalender werden Bäuerinnen aus der ganzen Schweiz abgebildet. Das Casting für den Kalender 2008 fand am 20. Mai in Kilchberg statt. In der Jury sass unter anderem Ex-Mister-Schweiz Renzo Blumenthal. Von der Ausgabe des Bauernkalenders 2007 wurden rund 11 000 Exemplare abgesetzt. (zum)

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