Tagesanzeiger, 29.5.2007

© Tages-Anzeiger; 29.05.2007

Offenherzig an der Stallwand

Petra Haidorfer aus Weiach möchte für den Bauernkalender posieren. Ans Casting ging sie in Gummistiefeln - nach Hause mit einem unguten Gefühl.

Von Heinz Zürcher

Weiach. - Vor der siebenköpfigen Jury um SVP-Nationalrat Toni Brunner und Ex-Mister-Schweiz Renzo Blumenthal versagte plötzlich ihre Stimme. «Sonst rede ich wie ein Buch», sagt die 25-jährige Petra Haidorfer, «aber beim Casting war ich wie blockiert.» Sie könne sich auch nicht mehr richtig erinnern, was sie während des zehnminütigen Vorsprechens für den Bauernkalender 2008 überhaupt von sich gab.

Nur eines wisse sie noch genau: Dass sie auf einem Hof bei Kilchberg in Gummistiefeln, hellblauen Jeans, mit tiefem Ausschnitt und Cowboyhut vor einem Heuhaufen posierte. Und dass sie sich weigerte, oben ohne vor die Linse zu stehen. «Ich denke nicht, dass das beim Casting schon nötig war», sagt sie. Für die Kalenderfotos würde sie dagegen mehr Haut zeigen - «aber nicht alles».

«Ich bin für viele Varianten offen»

Petra Haidorfer blättert in der aktuellen Ausgabe des Schweizer Bauernkalenders, Auflage 11 oo0 Exemplare, A3-Format, quer. Er zeigt junge Frauen in Reizwäsche; offenherzig in ein kleines Stück Stoff gehüllt; stark geschminkt vor einem Berg Äpfel; aufreizend vor einer Milchkanne oder mit einem lebenden Schaf um den Nacken.

«Ich bin für viele Varianten offen», sagt Petra Haidorfer. Auch mit Rocky würde sie sich ablichten lassen. Ihren fünf Wochen alten Hund nahm sie schon ans Casting mit, zusammen mit ihrem umgebauten Kinderwagen. Das alte Gefährt bestückte sie mit Blumen, Holz, Overall und einer Glocke. Dazu wurde ein Besen angebracht, dem sie ein Gesicht aufklebte. Mit dabei auch ein Schild, worauf eigentlich geschrieben stand, weshalb sie in den Bauernkalender will: «Weil ich die Natur liebe, weil ich beim Shooting bestimmt Spass haben werde - weil es meinem Ich gut tut.» Aber die Jury schaute nicht hin, und dann kam bei Haidorfer eben die erwähnte Sprechblockade.

An Zuspruch hatte es der 1,60 Meter grossen (Dunkel-)Blondine nicht gefehlt. Ihr Freund hatte sie ermutigt, sich für das Casting zu melden. Auch der Rest der Familie habe sie unterstützt. Selbst ihre Grosseltern stimmten zu. «Ich finde es gut, dass Bäuerinnen ihre schönen Seiten zeigen», sagt Petra Haidorfer. Eines Tages möchte sie selbst auf einem Bauernhof leben. «Landwirtin ist zwar ein pickelharter Beruf. Man verdient schlecht. Aber es wäre mein Traum.»

500 Franken als Entschädigung

Die gelernte Landwirtin hat seit ihrer Ausbildung in verschiedenen Gaststätten als Servicefachangestellte gearbeitet und tritt Mitte Juni eine Stelle auf der Post Glattfelden an. Momentan pflegt sie eine 83-jährige Frau, in den frühen Morgenstunden trägt sie Zeitungen aus. Viel Zeit zum Schminken bleibe ihr da nicht. Aber auch sonst investiere sie nicht viel in ihre Schönheitspflege. «Ich bin, wie ich bin», lautet ihre Devise.

Ob Petra Haidorfer im Kalender erscheinen wird, ist noch offen. Acht Modelle hat die Jury schon auserkoren. Bei der Wahl der restlichen vier tut sie sich noch schwer. Die zwölf Auserwählten sollen in einer Woche bekannt gegeben und die Fotos Anfang Juni auf dem Hof eines «Kalendergirls» aufgenommen werden. Wer dabei ist, erhält 500 Franken.

«Ich bin schon ganz kribbelig», sagt Petra Haidorfer. Gerne wüsste sie, wie ihre Chancen stehen. Doch die Jury habe nicht viel gesagt. Nur gefragt, ob sie auch vor Medienleuten die Stimme verlieren würde.

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