AZ-Tabloid, 11.9.2007

© AZ-Tabloid / MLZ; 11.09.2007; Seite 1

«Leicht bekleidet ist erotischer als nackt»

Erlinsbach. Die Bauerntochter Gabriela Stierli wurde als Modell für den Bauernkalender 2008 ausgewählt

Am 2. Oktober erscheint der neue Bauernkalender. Als erotische Kalendergirls posieren erneut nicht professionelle Models, sondern Frauen, die mit der Landwirtschaft verbunden sind. Unter ihnen auch Gabriela Stierli, 39-jährige Bauerntochter aus Erlinsbach.

Toni Widmer

«Erstens bin ich zu alt, und zweitens habe ich dafür nicht die richtige Figur», fand Gabriela Stierli. Doch sie liess es dennoch zu, dass sie von ihrer Schwägerin Anita Lüscher für das Casting des Bauernkalenders 2008 angemeldet wurde. «Ich habe aus Spass mitgemacht und war schon ziemlich erstaunt, als ich zum Casting vor eine Jury nach Zürich eingeladen wurde», sagt die Erlinsbacherin.

Noch grösser war die Überraschung ein paar Wochen später: «Herzlichen Glückwunsch, Sie sind als Modell für den Bauernkalender 2008 ausgewählt», wurde ihr eines Tages per Mail mitgeteilt. «Für mich war bereits die Teilnahme am Casting ein unerwarteter Erfolg. Mit der Aufnahme in den Kalender hätte ich wirklich nie gerechnet. Ich war nicht nur die mit Abstand älteste Teilnehmerin, die überhaupt in die engere Auswahl kam. Es hatte beim Casting auch viele weitaus schönere Frauen, als ich es bin», stellte die attraktive und gepflegte 39-Jährige ihr Licht doch etwas unter den Scheffel.

Durch und durch seriös

Der Schweizer Bauernkalender ist 2005 lanciert worden, die vierte Ausgabe für das Jahr 2008 erscheint am 2. Oktober. Als «Kalendergirls» agieren erneut keine professionellen Models, sondern ausschliesslich Frauen, die mit der Landwirtschaft verbunden sind. Gabriela Stierli, die das Kalenderblatt im Monat April zieren wird, ist als Bauerntochter aufgewachsen, jedoch nicht aktive Bäuerin. Im Stall steht sie dennoch täglich; bei der Betreuung der eigenen Pferde auf dem elterlichen Hof in Erlinsbach und - zusammen mit Lebenspartner Matthias Rippstein - beim Versorgen der zehn Pensionäre auf dessen Pferde-Altersweide in Kienberg.

Das «Unternehmen Bauernkalender» qualifiziert die Erlinsbacherin als durch und durch seriös: «Bei den zwei Fotoshootings, die ich als Finalistin mitgemacht habe, war es mir sehr wohl. Die Atmosphäre war locker und entspannt; in den Garderoben wurden wir ausschliesslich von Frauen betreut, und keine Frau wurde zu Aufnahmen genötigt, die ihr nicht zusagten. Wir konnten alle selber entscheiden, wie weit wir gehen beziehungsweise uns ausziehen wollten. Auch die Fotografen sind uns nie zu nahe getreten.»

Für die Teilzeitverkäuferin (Boutique Chicorée im Oltner Sälipark) war von Anfang an klar, dass sie sich keinesfalls nackt würde fotografieren lassen. Nicht, weil sie Hemmungen hätte, sondern aus Überzeugung: «Eine Frau wirkt leicht bekleidet in schönen Dessous doch weit erotischer als vollkommen nackt. Zudem bin ich für Nacktaufnahmen etwas zu alt.»

Gedicht statt Striptease

Statt einen heissen Strip, wie einige ihrer jüngeren Mitbewerberinnen, hat Gabriela Stierli beim Casting vor der prominent besetzten Jury (unter anderem mit Ex-Mister-Schweiz Renzo Blumenthal und SVP-Nationalrat Toni Brunner) denn auch ein Gedicht vorgetragen. Mit ihrem humorvollen Lebenslauf in Versform hat sie dabei offenbar mindestens so viel Eindruck gemacht wie jene Frauen mit blankem Busen.

Die Familie der begeisterten Pferdesportlerin - sie hat soeben die Lizenz als Springreiterin erworben - steht übrigens voll und ganz hinter ihrem Engagement beimBauernkalender: «Meine beiden Kinder (der 14-jährige Mike und die 11-jährige Selina) und mein Lebenspartner finden es cool, dass ich für den Bauernkalender posiert habe. Auch für meine Eltern und das weitere familiäre Umfeld ist es kein Problem. Im Gegenteil; alle freuen sich mit mir und sind stolz auf mich.»

Gespannt auf die Reaktionen

Gespannt sind Gabriela Stierli und ihre Familie auf die Reaktionen nach dem Erscheinen des Kalenders: «Mein Lebenspartner findet die Sache zwar lässig, doch seine Gefühle sind auch etwas gemischt.» Er befürchte, dass sie dumm angemacht werden könnte, wenn der Kalender erschienen sei, und das würde ihm natürlich nicht so passen. Das Kalendermodell selber hat sich diesbezüglich auch Überlegungen gemacht. Der Bauernkalender, findet sie, sei eine absolut seriöse Sache, und die Bilder, die dafür gemacht wurden, seien in keiner Art obszön, sondern sehr erotisch. «Erotik», sagte Gabriela Stierli, «ist doch etwas Schönes. Ich hoffe nicht, dass jemand blöde Sprüche macht. Und wenn, dann kann ich damit leben.»

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